Heiteres aus der Tierwelt

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Athineos
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#11 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Athineos » Mo 30. Mai 2016, 17:01

Et tu, mi fili Brute?
Der 14. Stich schmerzte am meisten ......


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Nathan
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#12 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Nathan » Mo 30. Mai 2016, 17:12

Athineos » 30 May 2016, 17:01 hat geschrieben:Et tu, mi fili Brute?
Der 14. Stich schmerzte am meisten ......
Das ist wie beim Bier: Die vierzehnte Halbe ließ ihn ins Koma fallen. :jubel:
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Auri
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#13 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Auri » Mo 30. Mai 2016, 19:33

Einst gingen die Bäume hin, einen König über sich zu salben; und sie sprachen zum Olivenbaum: Sei König über uns! Und der Olivenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Fettigkeit aufgeben, welche Götter und Menschen an mir preisen, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du, sei König über uns! Und der Feigenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Süßigkeit aufgeben und meine gute Frucht, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du, sei König über uns! Und der Weinstock sprach zu ihnen: Sollte ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen alle Bäume zum Dornstrauch: Komm du, sei König über uns! Und der Dornstrauch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr mich in Wahrheit zum König über euch salben wollt, so kommet, vertrauet euch meinem Schatten an; wenn aber nicht, so soll Feuer von dem Dornstrauch ausgehen und die Zedern des Libanon verzehren. -
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Athineos
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#14 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Athineos » Mo 30. Mai 2016, 19:59

Nicht gerade heiter, aber sehr schön!

Wie die Angst kam
Rudyard Kipling Neues Dschungelbuch München 1953, Kapitel 1 auszugsweise :

In jenen Tagen gab es weder Mais noch Melonen noch Pfeffer oder Zuckerrohr, auch nicht jene kleinen Hütten, wie ihr sie alle schon gesehen habt. Und das Dschungelvolk wußte nichts vom Menschen und lebte einträchtig beisammen als ein Volk. Doch bald hoben sie an, über das Futter zu streiten, obgleich Nahrung genug für alle war. Träge wurden sie. Jeder wünschte da zu fressen, wo er gerade lag, wie wir es noch heute zuweilen tun, wenn die Frühlingsregen reichlich gefallen sind. Tha, der erste Elefant, war eifrig beschäftigt, neue Dschungel zu schaffen und das Wasser in die Flußbetten zu leiten. Er konnte nicht überall sein, und so ernannte er den ersten Tiger zum Meister und Richter über die Dschungel; vor ihn sollte das Dschungelvolk all seine Streitigkeiten bringen. In jenen Tagen fraß der Stammvater der Tiger nur Früchte und Gras gleich den anderen. So groß war er wie ich, und sehr schön war er anzusehen, ganz in der Farbe der gelben Lianenblüte. Keinen Streifen oder Flecken hatte sein Fell in jenen guten Tagen, als die Dschungel eben erst erschaffen war. Alle Bewohner der Dschungel kamen zu ihm ohne Furcht, und sein Wort war Gesetz. Denn, denkt daran, damals waren wir ein einziges Volk.
In einer Nacht aber entbrannte wiederum Streit zwischen zwei Böcken – ein Futterstreit, wie ihr ihn jetzt mit Kopf und Vorderläufen austragt –, und als nun die beiden mit ihrem Streit vor den Stammvater der Tiger kamen, der unter Blumen ruhte, da stieß ihn einer der Böcke mit dem Gehörn, und der erste Tiger vergaß, daß er der Herr war und Richter der Dschungel, er warf sich über den Bock und brach ihm den Nacken.
Bis zu dieser Nacht war niemals einer von uns gestorben; und als der erste Tiger sah, was er getan hatte, und der Geruch des Blutes ihm die Sinne verwirrte, da entwich er nach den Sümpfen des Nordens; und wir, das Dschungelvolk, waren nun ohne Richter und begannen untereinander zu kämpfen. Tha vernahm das Getöse und kam zurück. Einige von uns sagten dies, einige das; aber Tha sah den toten Bock zwischen den Blumen liegen und fragte nach dem Mörder. Aber wir vom Dschungelvolk wollten es nicht sagen, weil der Geruch des Blutes auch uns verwirrte, so wie er uns heute verwirrt hat. Wir rannten im Kreise umher, machten Luftsprünge, schrien und warfen die Köpfe. Da gab Tha den Bäumen mit tiefhängenden Zweigen und den rankenden Schlingpflanzen der Dschungel den Befehl, den Mörder des Bockes zu zeichnen, und sagte dann: ›Wer will nun Herr sein über das Dschungelvolk?‹ Da sprang der graue Affe, der in den Bäumen lebt, herbei und sagte: ›Ich will jetzt Herr sein in der Dschungel!‹ Tha lachte und sagte: ›So sei es denn‹, und ging zornig von dannen.
Ihr kennt, meine Kinder, den grauen Affen. Wie er heute ist, so war er damals. Zu Anfang machte er ein weises Gesicht, bald aber begann er sich zu kratzen und auf und ab zu hüpfen. Als Tha zurückkehrte, fand er den grauen Affen Kopf nach unten an einem Ast baumeln und die Untenstehenden nachäffen, die ihn wiederum verspotteten. Und so gab es kein Gesetz in der Dschungel, nur dummes Geschwätz und Worte ohne Sinn.
Da aber rief Tha uns alle zusammen und sagte also: ›Der erste eurer Meister brachte den Tod in die Dschungel und der zweite die Schande. Nun ist es an der Zeit, ein Gesetz zu schaffen, ein Gesetz, das ihr nicht brechen könnt. Jetzt sollt ihr Angst kennenlernen, und wenn ihr ihn gefunden habt, so wisset, soll er euer Meister sein – und das andere wird folgen.‹ Da fragten wir von der Dschungel: ›Wer ist Angst?‹ Und Tha sagte: ›Suchet, bis ihr findet!‹ So eilten wir kreuz und quer durch die Dschungel und suchten Angst, und da kamen auf einmal die Büffel – – «
»Uff!« schnaubte Mysa, der Leitstier der Büffel, von der Sandbank her.
»Ja, Mysa, es waren Büffel. Sie kamen zurück mit der Nachricht, in einer Höhle der Dschungel säße Angst, und er sei unbehaart und stünde und liefe auf den Hinterbeinen. Wir von der Dschungel aber folgten den Büffeln, bis wir zur Höhle kamen, und Angst stand am Eingang, und er war, wie die Büffel gemeldet, haarlos, und stand auf den Hinterbeinen. Als er uns sah, schrie er laut, und seine Stimme erfüllte uns mit der Angst, die wir jetzt haben, und fort stoben wir, uns tretend und stoßend, denn wir hatten Angst. In jener Nacht nun, so wird erzählt, lagen wir nicht alle zusammen, nach alter Gewohnheit, sondern jeder Stamm zog allein für sich davon – Schwein mit Schwein, Wild mit Wild; Horn gesellte sich zu Horn und Huf zu Huf –, Art hielt sich an Art und lag zitternd in der Dschungel. Nur der Stammvater der Tiger war nicht unter uns, denn er hielt sich noch in den Sümpfen des Nordens verborgen. Als ihm nun Kunde kam von dem Ding, das wir in der Höhle gesehen hatten, da sagte er: ›Ich werde hingehen zu dem Ding und ihm das Genick brechen.‹ Also lief er die ganze Nacht durch, bis er zur Höhle kam; aber die Bäume und Schlingpflanzen auf seinem Wege gedachten Thas Befehl und senkten ihre Zweige, als er vorüberkam, und zeichneten ihn über Rücken und Flanken, über Kopf und Lefzen. Wo immer sie ihn berührten, da entstanden Streifen und Flecken auf seinem gelben Fell. Und diese Streifen tragen seine Kinder noch heute. Als er nun zu der Höhle kam, streckte Angst, der Haarlose, die Hand aus und nannte ihn: ›Der Gestreifte, der nächtens hier herumstreift‹, und der erste Tiger fürchtete sich vor dem Haarlosen und lief heulend zurück nach den Sümpfen.«
Hier lachte Mogli leise, mit dem Kinn unter Wasser.
»So laut heulte und schrie er, daß Tha ihn hörte und fragte: ›Was hast du für Kummer?‹ Und der Stammvater der Tiger hob seinen Kopf zu dem eben erst geschaffenen Himmel, der jetzt so alt ist, und rief: ›Gib mir meine Macht zurück, o Tha! Geschändet stehe ich vor allem Volk in der Dschungel, geflohen bin ich vor dem Haarlosen, und er gab mir einen schmachvollen Namen.‹ ›Und weshalb?‹ fragte Tha. ›Weil ich beschmutzt bin mit dem Schlamm der Moräste‹, sagte der erste Tiger. ›Dann geh' schwimmen‹, sagte Tha, ›und rolle dich im nassen Gras; wenn es Schlamm ist, wird es sicher abgehen.‹ Und der erste der Tiger schwamm umher im Wasser und rollte und rollte sich im Grase, bis die Dschungel sich vor seinen Augen drehte, aber nicht der kleinste Streifen auf seiner Haut verschwand, und Tha, der ihm zugesehen hatte, lachte. Da sagte der erste der Tiger: ›Was habe ich getan, daß dies über mich kommen mußte?‹
Tha aber sprach: ›Du hast den Bock gemordet und hast so den Tod in die Dschungel gebracht. Nur mit dem Tod kam Angst, daß die Völker in der Dschungel einander fürchten, wie du dich vor dem Haarlosen gefürchtet hast.‹ Der Stammvater der Tiger sagte darauf: ›Mich werden sie niemals fürchten; denn ich kannte sie von Anfang an.' Tha antwortete: ,Geh' und überzeuge dich!‹
Und der erste Tiger rannte umher, laut dem Wild, dem Sambar rufend, dem Stachelschwein und allen Dschungelbewohnern; aber sie flüchteten vor ihm, der ihr Richter gewesen war – – – denn nun kannten sie Angst.
Da kam der Stammvater der Tiger zurück; sein Stolz war gebrochen, er schlug seinen Kopf gegen den Boden, riß die Erde mit seinen Tatzen auf und sagte: ›Bedenke, o Tha, daß ich einst Herr war über die Dschungel! Vergiß mich nicht! Mache, daß meine Kinder sich immer daran erinnern, daß ich einst ohne Angst war und ohne Schande.‹ Und Tha sagte: ›Dies eine will ich für dich tun, weil du und ich, wir beide gesehen haben, wie die Dschungel entstand. Für eine Nacht in jedem Jahr soll es sein wie vordem, ehe du den Bock getötet hast. In dieser einen Nacht aber, so ihr treffet den Haarlosen – und sein Name ist Mensch –, sollt ihr vor ihm nicht Angst noch Entsetzen verspüren, sondern er soll sich fürchten vor dir und deinem Geschlecht, als wäret ihr noch Richter und Meister der Dschungel. Aber zeige ihm Gnade und Mitleid in dieser Nacht seiner Angst, denn du weißt nun, was Angst ist.‹
Darauf erwiderte der Stammvater der Tiger: ›Ich bin es zufrieden.‹ Aber als er das nächste Mal trank, sah er im Wasser die schwärzlichen Streifen auf seinen Flanken; und er gedachte des Namens, den der Haarlose ihm gegeben hatte, und war zornig. Ein Jahr lebte er in den Sümpfen und wartete ab, ob Tha sein Versprechen halten würde. Und in einer Nacht, da der Schakal des Mondes, der Abendstern, klar und hell über der Dschungel stand, fühlte er, daß seine Nacht gekommen war, und er ging zu der Höhle, den Haarlosen zu treffen. Das geschah, wie Tha versprochen, denn der Haarlose fiel nieder vor ihm und lag hingestreckt am Boden, und der erste der Tiger schlug ihn und zerbrach ihm das Rückgrat. Und er glaubte, daß nur ein einziges solches Ding in der Dschungel wäre und daß er Angst getötet habe. Als er aber, über dem Opfer stehend, im Wind witterte, hörte er Tha von den Wäldern des Nordens herabsteigen, und dann hörte er die Stimme des Urvaters der Elefanten, welches die Stimme ist, die wir jetzt vernehmen – –«
Hier rollte der Donner zwischen den zerfurchten kahlen Hügeln auf und ab; aber er brachte keinen Regen, nur Wetterleuchten zuckte über das Felsgezack hin, und Hathi fuhr fort:
»Das war die Stimme, die der Tiger hörte; und sie sprach: ›Ist das dein Mitleid?‹ Der erste Tiger aber leckte sich die Lefzen und sagte: ›Was tut's? Ich habe Angst getötet!‹
Und Tha sagte: ›Oh, du blinder Tor, du! Die Füße des Todes hast du entfesselt, und folgen wird er deiner Spur, bis du stirbst. Den Menschen hast du das Töten gelehrt.‹
Der erste Tiger aber stand zu seinem Mord und sprach: ›Er ist nun so, wie der Bock war. Angst ist nicht mehr. Nun will ich wieder Richter sein über das Volk der Dschungel.‹
Und Tha sagte: ›Niemals wird das Dschungelvolk zu dir kommen. Sie werden nie deine Spur kreuzen, noch neben dir ruhen, noch dir folgen, noch weiden bei deinem Lager. Nur Angst wird dir folgen, und mit dem Schlag, den du nicht sehen kannst, wird er dich zwingen nach seinem Willen. Er wird machen, daß der Boden sich unter dir öffnet und daß sich dir die Schlingpflanzen um den Hals legen und die Baumstämme um dich zusammenwachsen, höher, als du springen kannst, und zuletzt wird er dir dein Fell nehmen, um seine Jungen darein zu hüllen, wenn sie frieren. Du hattest kein Mitleid mit ihm, und kein Mitleid mit dir wird er je haben.‹
Der erste Tiger war aber sehr kühn, denn noch war seine Nacht über ihm, und er sagte: ›Thas Wort ist Thas Wort! Meine Nacht wird er mir nicht nehmen!‹
Und Tha antwortete: ›Diese eine Nacht bleibt dein, wie ich dir gesagt habe; doch ein Preis ist dafür zu zahlen. Du hast den Menschen das Töten gelehrt, und der Mensch ist kein langsamer Schüler.‹
Darauf der erste der Tiger: ›Hier liegt er unter meiner Tatze mit gebrochenem Rücken. Verkünde der Dschungel, daß ich Angst getötet habe.‹
Da lachte Tha und sagte: ›Getötet hast du nur einen unter vielen; aber du magst es selbst der Dschungel verkünden – denn deine Nacht ist um.‹
So dämmerte der Tag, und aus der Tiefe der Höhle trat wiederum ein Haarloser hervor, und er sah den Ermordeten auf dem Wege und den ersten Tiger über ihm. Da ergriff er einen spitzen Stab – –«
»Jetzt werfen sie ein Ding, das schneidet«, sagte Ikki, das Stachelschwein, und rasselte an der Uferbank. Denn Ikki galt als ungemein schmackhaft bei den Gonds – Ho Igu nennen sie es –, so konnte er einiges erzählen von den kleinen Gondäxten, die durch die Luft wirbeln wie eine Libelle.
»Ein spitzer Stab war es«, fuhr Hathi fort, »so wie sie ihn in den Boden der Grubenfalle stecken, und der Haarlose schleuderte ihn tief in die Flanke des ersten der Tiger. So kam es, wie Tha gesagt hatte, denn der erste Tiger lief heulend umher in der Dschungel, bis er den Stab herausgezerrt hatte; und das ganze Dschungelvolk wußte nun, daß der Haarlose aus der Ferne treffen konnte, und Angst ergriff sie mehr denn zuvor. So also kam es, daß der Stammvater der Tiger den Menschen das Töten lehrte, und ihr alle wißt, wieviel Leid dadurch über unser Volk kam – durch die Schlinge, die Grube, die verborgene Falle, den schwirrenden Stab und die stechende Fliege, die aus dem weißen Rauch hervorkommt (Hathi meinte die Flinte), und die rote Blume, die uns hinaustreibt ins offene Land. Dennoch in einer Nacht in jedem Jahr fürchtet der Haarlose den Tiger, wie Tha es versprochen, und stets hat der Tiger diese Furcht wachgehalten. Wo er den Haarlosen in dieser Nacht findet, tötet er ihn, eingedenk der Schande, die über den Stammvater der Tiger kam. Sonst aber geht Angst um in der Dschungel bei Tag und bei Nacht.«
»Ahi! Auuh!« seufzte das Wild in Gedanken daran, was das für alle bedeutete.
»Und nur, wenn eine große Angst über uns allen liegt, wie jetzt, dann können wir von der Dschungel unsere kleinen Ängste abwerfen und alle an einem Ort zusammenkommen, wie wir es heute tun.«
»Nur für eine Nacht fürchtet der Mensch den Tiger?« fragte Mogli.
»Nur für eine Nacht«, antwortete Hathi.
»Aber ich – aber wir – aber die ganze Dschungel weiß, daß Schir Khan zwei- und dreimal Menschen tötet in einem Mond.«
»So ist es. Dann aber springt er von hinten an und dreht den Kopf weg, wenn er schlägt, denn er ist voller Angst. Wenn der Mensch ihn ansähe, würde er entfliehen. In seiner Nacht aber geht er ganz offen hinunter in die Dörfer. Zwischen den Hütten schreitet er und steckt den Kopf durch die Türen, und die Menschen fallen auf ihr Antlitz, und dann vollbringt er sein Töten. Einen Mord nur in dieser Nacht.«
»Aha!« sagte Mogli für sich und drehte sich im Wasser um. »Nun weiß ich auch, warum Schir Khan mich aufforderte, ihm in die Augen zu sehen. Aber es hat ihm nichts genutzt; denn er konnte meinen Blick nicht aushalten, und ich fiel auch keinen Augenblick vor ihm nieder. Aber ich bin ja auch kein Mensch, sondern einer vom freien Volke.«
»Wumm!« brummte Baghira, tief in seiner pelzigen Kehle. »Weiß denn der Tiger, wann seine Nacht über ihm ist?«
»Erst dann weiß er es, wenn der Mondschakal klar über den Abendnebeln steht. Manchmal fällt sie in den trockenen Sommer, manchmal in die nasse Regenzeit – diese eine Nacht des Tigers. Wäre nicht der Stammvater der Tiger gewesen, würde das niemals geschehen sein, noch hätte einer von uns je Angst gekannt.«
Das Wild stöhnte kummervoll; aber Baghiras Lippen kräuselte ein böses Lächeln. »Kennen die Menschen diese – diese Geschichte?« fragte er.
»Niemand kennt sie, nur die Tiger und wir, die Kinder des Elefanten Tha. Nun aber habt ihr gehört, ihr alle hier am Fluß – und ich habe gesprochen.«
Und Hathi tauchte seinen Rüssel in das Wasser zum Zeichen, daß er nicht mehr reden wollte.
»Aber – aber«, wandte sich Mogli an Balu, »warum fraß denn der erste Tiger nicht weiter Gras und Blumen und Blätter? Er brach dem Bock wohl das Genick, aber er fraß ihn nicht auf. Was führte ihn denn zu dem dampfenden Fleisch?«
»Die Bäume und Schlingpflanzen zeichneten ihn zu dem Gestreiften, als den wir ihn kennen, kleiner Bruder, niemals wieder seitdem wollte er Frucht und Gras fressen; und von dem Tage an rächte er sich an dem Wild und den anderen Grasfressern«, sagte Balu.
»Du kanntest also die Geschichte? He, warum habe ich sie nie von dir gehört?«
»In der Dschungel gibt es eine Unzahl solcher Geschichten. Finge ich erst an zu erzählen, wäre kein Ende abzusehen. Laß mein Ohr los, kleiner Bruder.
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#15 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Nathan » Di 31. Mai 2016, 10:26

Bist du irreSind Sie bekloppt? Falls ich heute abend mal zufällig nen Zugang kriege lese ich das. Wobei - wussten Sie, dass man Kipling offenen Rassismus nachsagt? Aber trotzdem, schon die ersten Zeilen haben diesen bestimmten Zauber...
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#16 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Nathan » Di 31. Mai 2016, 10:28

Auri » 30 May 2016, 19:33 hat geschrieben:Einst gingen die Bäume hin, einen König über sich zu salben; und sie sprachen zum Olivenbaum: Sei König über uns! Und der Olivenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Fettigkeit aufgeben, welche Götter und Menschen an mir preisen, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du, sei König über uns! Und der Feigenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Süßigkeit aufgeben und meine gute Frucht, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du, sei König über uns! Und der Weinstock sprach zu ihnen: Sollte ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen alle Bäume zum Dornstrauch: Komm du, sei König über uns! Und der Dornstrauch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr mich in Wahrheit zum König über euch salben wollt, so kommet, vertrauet euch meinem Schatten an; wenn aber nicht, so soll Feuer von dem Dornstrauch ausgehen und die Zedern des Libanon verzehren. -
Sehr schönes Gleichnis und obwohl aus dem Bereich Flora und nicht aus dem Bereich Fauna passt es dennoch sehr gut hierher.
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#17 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Auri » Di 31. Mai 2016, 11:21

Nathan » 31 May 2016, 10:26 hat geschrieben:Bist du irreSind Sie bekloppt? Falls ich heute abend mal zufällig nen Zugang kriege lese ich das. Wobei - wussten Sie, dass man Kipling offenen Rassismus nachsagt? Aber trotzdem, schon die ersten Zeilen haben diesen bestimmten Zauber...
Kipling war ein Kolonialkind seiner Zeit.
Ein Brite in Indien geboren und dort den Grossteil seines Lebens verbringend.
Vom heutigen Pakistan bis vor allem zu Burma wo auch ein Grossteil des Dschungelbuchs beheimatet ist.
Kipling war zwar von der Überlegenheit der westlichen Zivilisation überzeugt aber ihm war wie wenigen Briten sehr bewusst, dass diese auf Ausbeutung beruhte und keinen Bestand haben würde.

Kleine Adelung, Auszug:

Es gibt einen deutschen Schriftsteller, an den Rudyard Kiplings Geschichten immer wieder erinnern: Brecht. Das ist kein Zufall. Bekanntlich gehörte Brecht als Poet zum Stamme Nimm - kolportiert wird aber meist nur, daß er sich aus K. L. Ammers Übersetzungen der Balladen des Francois Villon herausgenommen hat, was er gerade brauchte. Tatsächlich war sein Hunger nach Plagiaten damit keineswegs gestillt. Und ganz besonders gern klaute Brecht eben bei Mr. Kipling: Praktisch alle Gedichte, in denen Ortsnamen wie "Surabaya", "Birma", "Bilbao" oder "Mandalay" vorkommen, hat er dem großen angloindischen Meister entwendet. Daß nicht nur Brechts Lyrik, sondern auch seine Prosa heftig von Kipling beeinflußt war - das wird schnell deutlich, wenn man diese Erzählungen liest.

Hier kann freilich nicht von einem glatten Plagiat gesprochen werden. Eher handelt es sich um einen subtilen, einen unterirdischen Einfluß: Was Brecht von seinem Vorbild abgelernt hat, das ist der gleichmütige Ton. Wie nebenher berichtet Kipling von einem indischen Politiker, der allen weltlichen Würden entsagt und zum sanjassin wird, zum Heiligen; wie nebenher läßt er einen Opiumraucher davon erzählen, daß er seiner Rauschdroge immer tiefer verfällt; wie nebenher berichtet ein afghanischer Pferdedieb, daß er seiner untreuen Frau den Kopf abgeschlagen und ihr dann noch die Brüste abgeschnitten hat. Das Ungeheuerlichste wird erzählt, als sei es das Selbstverständlichste, die dramatischen Gefühle werden mit unbewegter Miene auf Eis serviert. Wer Erzählungen von Brecht wie "Safety first" oder "Der verwundete Sokrates" schätzt, wird sich bei Kipling gleich zu Hause fühlen.


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#18 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Auri » Di 31. Mai 2016, 11:22

Nathan » 31 May 2016, 10:28 hat geschrieben:Sehr schönes Gleichnis und obwohl aus dem Bereich Flora und nicht aus dem Bereich Fauna passt es dennoch sehr gut hierher.
Und so aktuell.
Übrigens aus dem Buch der Richter. AT.
Meines Wissens die einzige Fabel in der Bibel.
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#19 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Nathan » Di 31. Mai 2016, 17:41

Auri » 31 May 2016, 11:22 hat geschrieben:Und so aktuell.
Übrigens aus dem Buch der Richter. AT.
Meines Wissens die einzige Fabel in der Bibel.
AT war klar... ;)

Die Bemerkungen zu Brecht aus der "Welt" sind abenteuerlich. Aber um das zu widerlegen müsste ich tief einsteigen und viel Zeit investieren die ich nicht habe. Vielleicht kann das ein anderer...?
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#20 Re: Heiteres aus der Tierwelt

Beitrag von Athineos » Di 31. Mai 2016, 18:26

Nathan » 31 May 2016, 10:26 hat geschrieben:......., dass man Kipling offenen Rassismus nachsagt?
Ach Gottchen! ( Kein Vokativ, sondern ein Ausruf des verzweifelten Überdrusses! )

Δῶς μοι πᾶ στῶ καὶ τὰν γᾶν κινάσω!

Frei für Sie übersetzt:
Geben Sie mir ein Ihnen gefälliges Buch, und ich weise Ihnen rassistische Züge darin nach!

Auri » 31 May 2016, 11:22 hat geschrieben: Meines Wissens die einzige Fabel in der Bibel.
Die Jotamfabel ist tatsächlich die einzig bekannte Fabel in der Bibel, obwohl Timotheus in 1,1,4 von " Fabeln " im Plural spricht ( ... μηδὲ προσέχειν μύθοις .... nach Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland )
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